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The Listener

Blog für klassische Musik und mehr! ...seit 2003

K. Karajew - Ballettmusiken "Die sieben Schönheiten" und "Der Pfad des Donners"
Royal Philharmonic Orchestra - D. Yablonsky

(2014)
Naxos

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Kara Karajew - Ballettmusiken "Die sieben Schönheiten" und "Der Pfad des Donners"

Politically correct? Auf jeden Fall "Musically correct"!

von Rainer Aschemeier  •  13. Januar 2014
Katalog-Nr.: 8.573122/EAN: 747313312276

Nun fühlt man sich ja immer gleich als Schelm, wenn man an was Böses denkt, aber bei der jüngsten Serie von Naxos-Veröffentlichungen mit aserbaidschanischer E-Musik kann ich mir einfach nicht helfen: Ob hier nicht in großem Stil Geld vom aserbaidschanischen Staat geflossen ist?

Wir blicken zurück: Bereits 2011 hatte es bei Naxos eine hochinteressante, richtig tolle Neuerscheinung gegeben, nämlich ein Album mit aserbaidschanischen Klavierkonzerten. Schon damals fragte ich mich im Rahmen meiner Rezension dieses nach wie vor höchst empfehlenswerten Albums, wie es wohl kommt, dass man für dieses vergleichsweise abgelegene Repertoire das hoch dekorierte und ganz sicher nicht billig für CD-Aufnahmen zu habende Royal Philharmonic Orchestra engagieren konnte. Es erschien dann in der Folge eine CD mit der dritten Sinfonie des aserbaidschanischen Komponisten Kara Karajew sowie nun diese neue Karajew-CD mit auserlesener Ballettmusik – beide erneut mit den Spitzenleuten vom Royal Philharmonic.

Ich kann mir das nur so erklären: Der Aserbaidschanische Staat versucht mit dieser Veröffentlichungsserie ein Spotlight auf die Musikkultur seines Landes zu setzen. Über welches Label könnte man das besser realisieren, als über Naxos – jene Firma mit dem bekanntermaßen größten und womöglich besten Vertriebsnetz der Klassikwelt?
Nun ist das in meinen Augen erst einmal auch nicht weiter schlimm, denn für die zum Teil wirklich sehr hörenswerte Musik, die dabei das Licht des Tages überwiegend in Weltersteinspielungen erblickt, lohnt sich jede Mühe. Schwierig wäre es nur dann, wenn zu vermuten wäre, dass die Musik, die im Rahmen der Reihe veröffentlicht wird, solche Komponisten ausschlösse, die dem bekanntlich nicht gerade demokratischen Regime in Aserbaidschan nicht genehm wären.

Zumindest bei den zurückliegenden beiden Releases mit Musik von Kara Karajew ist davon aber nicht auszugehen. Karajew ist einfach die logische Wahl, wenn jemand plant, eine CD-Reihe mit aserbaidschanischer E-Musik zusammenzustellen. Karajew ist für Aserbaidschan das, was etwa Sibelius für Finnland oder Vaughan Williams für England ist: Ein Komponist mit einem so starken Lokalkolorit und einer gleichzeitig so allgemein verbindlichen und qualitätvollen Musiksprache, dass er als „Nationalkomponist“ gelten darf.
Dabei ist Karajew durchaus eine zwiespältige Figur, die sich in schwierigen Zeiten offenbar aus der „Schusslinie“ zu nehmen wusste. Als in den 1940er-Jahren die vernichtenden Schdanow-Dekrete die Komponistenlager in der UdSSR wahllos in „Formalisten“ und „Volkskünstler“ teilte, ereilte Karajew nicht dasselbe Schicksal wie Schostakowitsch, Mjaskowsky, Prokoffjew, Weinberg oder Popov – die alle mit „Rügen“ in mehr oder weniger drastischem Ausmaß gemaßregelt wurden. Im Gegenteil: Karajew wurde sogar in diesen Jahren ein wichtiger Kompositionspreis verliehen, was mindestens auf eine gewisse, wenn nicht gar dezidierte Nähe zur stalinistischen Kulturauffassung schließen lässt.
Andererseits war es gerade Dmitri Schostakowitsch, jener besonders hart gestrafte Komponist, dessen gesamtes Schaffen durch jene Jahre in eine beileibe nicht freiwillig gewählte sondern gewaltsam aufgepfropfte Anpassungsmaschinerie hineingezwängt wurde, der Kara Karajew dezidiert als seinen Freund bezeichnete, und der sich immer wieder einmal freundlich lobend über dessen Werke äußerte.

Lassen wir aber die musikopolitischen Erwägungen beiseite und hören einfach mal rein in die neueste CD mit den Ballettsuiten zu den Stücken „Die sieben Schönheiten“ sowie „Der Pfad des Donners“. Das ist nämlich sehr hörenswerte, klug gemachte Musik. Hörenswert ist sie, weil sie qualitätvoll strukturiert und komponiert ist, klug ist sie, weil sie hörbar einer Traditionslinie folgt, die bei Tschaikowsky ansetzt und den besten Qualitäten der russischen Ballettschule Reverenz erweist ohne den Anschein zu erwecken, sie beruhe auf bloßer Imitation oder sei ein belangloser Anachronismus.
Sicher, Kara Karajews Ballettmusik ist keine Revolutionsmusik wie die Ballette der zu dieser Zeit politisch unbefangen agierenden Strawinsky und Prokoffjew. Sie sind aber jederzeit in ähnlicher Weise „modern“ wie die ebenfalls einem eher gemäßigten Stil folgenden Ballettkompositionen Dmitri Schostakowitschs.
Karajews Ballette sind vor allem aber wunderbar bild- und farbenreich mit knallbunten Tupfern aserbaidschanischen Lokalkolorits. Das alles wird angereichert mit an Tschaikowsky gemahnenden Walzern oder mit an Mussorgsky erinnernden, furiosen Schaustücken – nicht zu vergessen die Ähnlichkeiten zu Borodins sinfonischer Musik.
Kurz und gut: Wer auf (im erweiterten Sinne) russische Musiktradition steht, kann Kara Karajew im Prinzip gar nicht nicht mögen. Political correctness hin oder her: Die Karajew-CDs von Naxos sind musikalisch und interpretatorisch allererste Sahne und verdienen allein deswegen schon Beachtung. Man wüsste allerdings gern auch mehr über die Hintergründe dieses ungewöhnlichen Aufnahmeprojekts – zum Beispiel, ob hier die aserbaidschanischen Kulturbehörden Geld zuschießen oder nicht.

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