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The Listener

Blog für klassische Musik und mehr! ...seit 2003

F. Chopin – Sämtliche Nocturnes
Earl Wild (Klavier)

(2014)
Brilliant Classics / Vertrieb: edel:kultur

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Frédéric Chopin – Sämtliche Nocturnes

von Rainer Aschemeier  •  11. August 2014

Earl Wild gehörte vor allem in den USA zu den prominentesten Pianisten überhaupt. Der Grund: Wild war beim Rundfunk angestellt und war deshalb bekannt aus etlichen Radio- und Fernsehübertragungen. Darunter waren auch ein paar, die Rundfunkgeschichte geschrieben haben; so etwa die von Arturo Toscanini mit dem NBC Symphony Orchestra umgesetzte „Rhapsody in Blue“-Interpretation, bei der Earl Wild als Solist fungierte.
Nach dieser Aufführung war für Earl Wild die Welt nicht mehr dieselbe. Er spielte für fünf aufeinanderfolgende Präsidenten der Vereinigten Staaten zur Amtseinführung, war im Radio omnipräsent, ja, er war in den USA zum Popstar geworden, sein Ruhm war grenzenlos.

Obwohl… geografische Grenzen, die hat seine Bekanntheit nie unbeschadet überwinden können. In Europa blieb Earl Wild ein Geheimtipp und für die breite Masse praktisch ein Unbekannter. Auch keine der großen europäischen Plattenfirmen für klassische Musik konnte sich für Wilds Interpretationen erwärmen. Und bei US-Labels wie RCA gab es zwar einige Einspielungen, doch auch dort zündete Earl Wilds Karriere nicht so richtig, denn immerhin war dieser Pianist ja ständig zu hören wenn man das Radio einschaltete. Wozu dann noch Schallplatten?
Außerdem hatte Wild einen Vertrag mit dem Buchclub „Reader’s Digest“ abgeschlossen: Im Rahmen einer Serie mit Standardrepertoire kamen Earl Wild-Schallplatten für Reader’s Digest-Kunden auf Wunsch pfundweise ins Haus. Logisch, dass dafür die traditionell arbeitenden Plattenfirmen nur wenig Verständnis hatten.

In Europa kam der Name Earl Wild, wie bei so vielen „Geheimtipps“ in der Pianistenszene, erst wieder ab den ausgehenden 1980er-Jahren auf den Plan. Nun bemühten sich einige engagierte Independent-Labels um den Pianisten, der ihnen dafür auch willig seine durch Jahrzehnte gereiften Interpretationen einspielte.
Dies allerdings war ein anderer Earl Wild, einer, der der Welt nichts mehr beweisen musste und einer, der sich über Jahrzehnte einen ureigenen, man darf sagen, etwas exzentrischen Stil angewöhnt hatte.

Aus dieser Phase, genauer gesagt aus dem Jahr 1996, stammen die hier vorgestellten Aufnahmen sämtlicher „Nocturnes“ aus der Feder Frédéric Chopins. Schon allein die Tatsache, dass Wild diese Stücke nicht wie sonst bei Gesamtaufnahmen üblich chronologisch bzw. numerisch einspielte, sondern die Chopin-Nocturnes nach „Stimmungen“ zusammenfasste (wie sich Earl Wild selbst im beiliegenden CD-Booklet ausdrückt), sollte aufhorchen lassen.
Diese Gesamtaufnahme ist eine der eigenwilligsten und am persönlichsten gefärbten, die ich kenne.

Earl Wild gibt sich nicht einmal besondere Mühe, eine objektive Situation herzustellen. Er sieht Chopin absolut aus dem Blickwinkel des US-Amerikaners der 1920er-Jahre. Und das bedeutet: Wild schubst Chopin schon mal in impressionistische Fahrwasser oder tunkt ihn auch zwischendurch immer wieder in die Jazz-Tasse. Chopin wird von ihm zwar ernstgenommen – das zeigt sein äußerst emotionaler, lyrischer Zugriff –, jedoch wird er von Earl Wild auch ganz schön in Besitz genommen und ganz nach Belieben für das Publikum des ausgehenden 20. Jh. umgedeutet. Das sorgt für stetig hochgezogene Augenbrauen, doch ganz ehrlich: Manchmal kann zumindest ich mir auch ein Schmunzeln nicht verkneifen.

Wer eine objektive Referenzaufnahme sucht, muss anderswo fündig werden. Dieser Chopin ist nämlich eine Einspielung für diejenigen, die glauben, sie kennen diese Stücke. Earl Wild beweist: Es geht auch anders – z.B. dezidiert amerikanisch…
Übrigens: Diese Doppel-CD erschien anno 1996 in ihrer Erstveröffentlichung beim Mini-Label „Ivory Classics“, und das Originalcover, auf dem Earl Wild in einem Smoking in einem Kanu sitzt und über einen (fotomontierten) nächtlichen See rudert, gehört sicherlich zu den ausgesprochenen Kuriositäten der Schallplattengeschichte.

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