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The Listener

Blog für klassische Musik und mehr! ...seit 2003

Ch. Graupner - Konzerte und Ouvertüren für Chalumeau
Ars Antiqua Austria - G. Letzbor

(2012)
Challenge Classics

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Christoph Graupner - Konzerte und Ouvertüren für Chalumeau

Lebhafte Musik für ein (fast) vergessenes Instrument

von Rainer Aschemeier  •  14. Juli 2012
Katalog-Nr.: CC72539 / EAN: 608917253924

Zu den vielen Instrumenten der Barockzeit die heute völlig in Vergessenheit geraten sind, gehört wohl auch das Chalumeau. Fragt man selbst versierte Kenner Alter Musik danach, was denn eigentlich ein Chalumeau überhaupt sei, antworten nicht wenige, es sei quasi ein und dasselbe wie die immerhin noch vage aus der Volksmusik bekannte Schalmei. Das stimmt so jedoch nicht!

Die deutsche Schalmei ist ein Doppelrohrblattinstrument und als Solches am ehesten mit der heutigen Oboe verwandt. Das Chalumeau hingegen besitzt nur ein Rohrblatt und ist sowohl klanglich als auch instrumentenbaumäßig ein Vorläufer der heutigen Klarinette. Ja, das Instrument entstand im 17. Jahrhundert gar aus dem Bestreben heraus, den Tonumfang einer Blockflöte (!) zu erweitern.

Doch bevor wir uns an dieser Stelle in Kinkerlitzchen des Instrumentenbaus verlieren, sollten wir uns lieber freuen! Unlängst nämlich erschien eine CD vom niederländischen High Quality-Label Challenge Classics, und sie bringt uns das Chalumeau wieder zu Gehör.
Dass dies zudem mit wunderbar lebhafter Barockmusik einhergeht, haben wir einem der großen Komponisten des Frühbarock zu verdanken, nämlich Christoph Graupner – ja, jener Graupner, den einst niemand Geringeres als Georg Philipp Telemann als Thomaskantor nach Leipzig empfohlen hatte, wo ihm ein gewisser Johann Sebastian Bach kurz vor knapp die begehrte Stelle „wegschnappen“ konnte.

Die CD setzt ein Chalumeau-Konzert und zwei Ouvertüren mit prägnantem Chalumeaupart gekonnt in Szene. Als „Trenner“ zwischen den Stücken fungieren zwei grazile Violinsonaten – ...ohne Chalumeau.
Die Programmierung dieser CD ist somit schon mal wohl durchdacht und funktioniert im Übrigen großartig.
Das Ensemble Ars Antiqua Austria ist unter der Leitung Gunar Letzbors (der auch der bei den Sonaten zu hörende Violinsolist ist) gottlob keine borniert-verknöcherte Alte-Musik-Truppe, sondern weiß, wie wichtig es ist, dass man Alte Musik tatsächlich lebendig werden lässt.
Welche Musik wäre dafür besser geeignet als die für ihre Zeit ungewöhnlich emotionale Musik des Darmstädter Hofkomponisten Christoph Graupner!?

In den Sonaten oft sentimental versponnen, in den Orchesterstücken unverhohlen ausgelassen, erreichen die Graupner’schen Werke womöglich nicht die „Extraklasse“ der ganz Großen der Barockzeit. Sie zeigen aber vielleicht sogar besser als jene, wie und wofür diese Musik einmal gedacht war.
Das, was hier erklingt, hat – wenn man das sehr böse formulieren möchte – nicht einmal einen besonders hohen Kunstanspruch. Es ist zumindest zum Teil fraglos das, was man zumeist wenig höflich mit dem Wort „Gebrauchsmusik“ beschreibt. Zu dieser Musik wurde getafelt, getanzt, vielleicht auch mitgesungen.

Unnatürlich verwöhnt von den Kronjuwelen der Bach-, Telemann- und Händel-Ära, sind wir es kaum noch gewohnt, dass Barockmusik aus Deutschland so schwungvoll und versonnen daherkommen kann. Diese CD zeigt, dass es in Deutschland nicht nur Komponisten gegeben hat, die man fast als „Wissenschaftler der Fuge“ bezeichnen möchte. Es gab eben auch solche wie Graupner, die nicht für die hohe Kunst sondern für das pralle Leben schrieben. An dieser Stelle möchte ich auch noch einmal zu einem ähnlich gelagerten Fall verlinken, den ich im Herbst vergangenen Jahres besprechen durfte: Rezension siehe hier.

Klanglich ist die CD übrigens (wie fast immer bei Challenge Classics) zur audiophilen Oberliga zu zählen. Eine Besonderheit für Klangfreaks findet sich bei dieser CD im beiliegenden Booklet, denn hier hat der zuständige Tonmeister Bert van der Wolf höchstselbst das Wort ergriffen, um uns auf zwei Booklet-Seiten interessante Hintergründe zur vorliegenden SACD-Aufnahmetechnik zu vermitteln. Das ist nicht nur hörens- sondern auch lesenswert.

((Das Hörexemplar der CD für diese Besprechung wurde uns freundlicherweise von der Firma Challenge Classics zur Verfügung gestellt.))

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