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The Listener

Blog für klassische Musik und mehr! ...seit 2003

R. Schumann - Klaviertrios (Gesamtaufn.)
Ilya Gringolts, Peter Laul, Dmitry Kouzov

(2011)
Onyx classics

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Robert Schumann - Klaviertrios (Gesamtaufnahme)

Introvertierte Deutung mit viel russischem "Schmelz"

von Rainer Aschemeier  •  3. Juli 2011

Nein, Ihr habt gerade kein Déjà-vu-Erlebnis, sondern es ist tatsächlich so: In diesem Monat sind annähernd zeitgleich zwei (!) Sets mit Gesamtaufnahmen aller Klaviertrios von Robert Schumann erschienen. Angesichts der Tatsache, dass diese Stücke nicht zu den am häufigsten eingespielten Werken des deutschen Romantikers gehören, ist dieser Umstand schon eher ungewöhnlich. Vielleicht fragen sich also gerade manche Klassik-Liebhaber welche der beiden Doppel-CDs denn nun die richtige Wahl darstellt.

Vor ein paar Tagen hatten wir bereits die EMI-Neueinspielung der Schumannschen KLaviertrios in der Aufnahme mit Leif Ove Andsnes, Christian Tetzlaff und Tanja Tetzlaff in höchsten Tönen gelobt (http://www.incoda.de/listener/reviews/204/robert-schumann-klaviertrios-gesamtaufnahme). Nun folgt die Onyx classics-Version, die ebenfalls mit einer beeindruckenden Starbesetzung aufwarten kann. Bei Onyx (einem Label, das anno 2005 vom ehemaligen Senior Executive des mittlerweile leider eingestellten Edel-Labels DECCA gegründet wurde) musiziert mit Ilya Gringolts (Violine), Peter Laul (Klavier) und Dmitry Kouzov (Cello) eine durch und durch russisches Aufgebot namhafter Solisten.
Und gerade diesen Punkt hatten wir schon bei der Besprechung der EMI-Aufnahme dieser Werke in den Focus gerückt, denn allzu oft ist man geneigt, sich bei Kammermusikwerken von großen Namen blenden zu lassen, um dann enttäuscht feststellen zu müssen, dass alle Beteiligten „aneinander vorbei“ musizieren, statt miteinander. Andsnes und die Tetzlaffs konnten diese Hürde nicht nur elegant umschiffen, sondern haben sie praktisch außer Kraft gesetzt. So ein fast gespenstisch gutes Zusammenspiel habe ich noch nicht gehört. Da müssen Gringolts und co. sich also ganz schön „ranhalten“.

Doch wie immer kommt alles ganz anders. Ilya Gringolts, der die weltberühmte „Kiesewetter-Stradivari“ aus dem Jahr 1723 spielt und seine Mitstreiter gehen nämlich einen ganz anderen Weg als ihre norwegisch-deutschen Mitbewerber. Während Andsnes mit Christian und Tanja Tetzlaff Schumanns Klaviertrios nicht einfach aufgenommen, sondern geradezu entfesselt haben, bieten die drei Russen mit ihrer Darbietung eine sehr viel introvertiertere und auf die melancholischen Seiten des Romantikers Schumann zielende Deutung. Gringolts‘ typisch russisches Violinspiel, das mit viel Vibrato einhergeht und mich gelegentlich an Maxim Fedotovs Stil erinnert, stellt dabei quasi die „Antithese“ zum eher vibratoarmen und gewissermaßen „klassischen“ Spiel Christian Tetzlaffs auf der EMI-Aufnahme dar.
Und damit ist das Ganze allem voran erst einmal eine Geschmacksfrage. Ich könnte mir vorstellen, dass die Qual der Wahl von vielen Hörern schon an diesem Punkt aufgrund der persönlichen Vorlieben getroffen wird: Leidenschaftlich melancholisch => Gringolts und Team, Feurig-furios und „neoklassisch“ => Andsnes und die Tetzlaffs.

Aber es gibt auch ganz handfeste und klar darstellbare Unterschiede, und in diesem Punkt fällt das Votum eindeutig gegen die Onyx-classics-CD. Gringolts, Laul und Kouzev erreichen nämlich bei Weitem nicht das überirdische Level des annähernd sich blind verstehenden Musikantentums von Andsnes, Tetzlaff und Tetzlaff. Zwar ist ihre Darbietungen auch sehr gut und weit entfernt von echten „Schnitzern“, dennoch bietet sie weniger einen echten Ensembleklang, sondern stellt eher den typischen Fall von drei Solisten mit eigenem Klang dar.
Auch klanglich (und das finde ich eher überraschend) ist die neue EMI-Einspielung diesmal der hier besprochenen Onyx-Novität haushoch überlegen. Obwohl Onyx bekanntermaßen auf ehemalige DECCA-Tonmeister zurückgreift, konnten diese, normalerweise für kompromisslosen Spitzenklang bekannten Klanggestalter, bei der vorliegenden Aufnahme keine besonders herausragende Leistung vollbringen. Im Gegenteil: Ich finde den Sound dieser Einspielung wirklich nicht besonders gut; er ist deutlich zu hallig angelegt, und es wurde versucht, eine räumliche Tiefe zu erreichen, was aber nicht gelang. Stattdessen verwischt der Klang an vielen Stellen, wobei besonders der Grenzbereich zwischen Cello und Klavier nicht trennscharf realisiert werden konnte. EMI hat es darüber hinaus geschafft, die Tetzlaff-Geschwister mit einem herrlichen Streicherton aufzunehmen, den man auf dieser Onyx-Aufnahme direkt vermisst, wenn man ihn vorher einmal gehört hat. Um bei so viel contra aber auch einmal ein „pro“ anzubringen, sei gesagt, dass ich die Lautstärkenabstufung zwischen Streichern und Klavier bei der Onyx-Einspielung realistischer und angenehmer finde als bei EMI, wo meiner Meinung nach Leif Ove Andsnes zu stark in den Vordergrund gemischt wurde.

Fazit: Wer dem „Bauchgefühl“ den Vorzug gibt und sensible Schumann-Deutungen mit viel Schmelz und einiger Melancholie vorzieht, liegt bei dieser Onyx-Aufnahme sicher nicht verkehrt, und gut genug, um daran auch bei einer hoch auflösenden Hifi-Anlage Spaß zu haben, klingt diese CD durchaus. Doch ganz ehrlich: Wer die neue EMI-Einspielung dieser Stücke gehört hat, ist danach eigentlich verdorben für alles andere, denn das, was Andsnes und die Tetzlaffs dort darbieten, ist so gut, dass es alles Andere in den Schatten stellt. Und das schlägt sich dann eben auch in unserer Wertung nieder…

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