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The Listener

Blog für klassische Musik und mehr! ...seit 2003

L. Janáček - Im Nebel, Sonate 1.X.1905, Auf verwachs'nem Pfad
Helena Basilova (Klavier)

(2013)
Quintone / Vertrieb: codaex

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Leoš Janáček - Klavierwerke

Die "Radikalkur" in Sachen Janáček

von Rainer Aschemeier  •  18. April 2013
Katalog-Nr.: Q12003 / EAN: 9789078740292>

Es ist ganz erstaunlich, aber Leoš Janáček, der „große alte Mann“ der tschechischen Musikmoderne ist, nach einer weitgehenden Vernachlässigung in den 1990er- und 2000er-Jahren, heute wieder so up to date wie selten zuvor.
Nicht zuletzt zeigen das rundum beeindruckende Debüt-Alben von merkwürdigerweise durchwegs blutjungen Pianistinnen, die ihre CD-Karriere in den letzten Jahren ausgerechnet mit der melancholischen Musik Janáčeks starten wollten.
Zuletzt hatten sich die Bosnierin Ivana Gavrić (auf Champs Hill records; Rezension s. hier), die deutsche Pianistin Danae Dörken (auf Ars Produktion; Artikel s. hier) sowie (brandneu) die Russin Helena Basilova (auf dem niederländischen Label Quintone) dazu entschieden, mit Janáčeks Klaviermusik zu debütieren.

Unter den genannten Künstlerinnen ist Helena Basilova eindeutig diejenige, welche die ungestümste und heißblütigste Interpretation vorgelegt hat. Sie legt ihr Augenmerk nicht so sehr auf die melancholisch-sinistre Qualität von Janáčeks Musik, sondern reizt vor allem deren extrem kleinteilige Dynamik voll aus. Selten habe ich solche Dynamikkontraste bei dieser Musik gehört.
Zudem geht Basilova auch phrasierungsmäßig und in Sachen Pedalarbeit einmal ganz neue Wege. Es ist durchaus nicht übertrieben zu behaupten, dass sie auf der vorliegenden CD einige von Janáčeks Hauptwerken quasi zerpflückt und neu wieder zusammensetzt.
Basilova sieht Janáček unzweifelhaft als den tschechischen Modernisten – und das stellt sie so extrem zur Schau, wie ich das zuvor selten, wenn nicht gar nie, bislang gehört habe. Der Spätromantiker Janáček, der ja auch in dieser Musik steckt, fällt bei Basilova fast komplett unter den Tisch: Selbst in den atmosphärisch dichten, stillen Passagen sucht die junge Russin radikale Expressivität.

Dieses Album macht einen beim ersten Hören etwas ratlos, denn es ist so radikal anders als das bislang Gewohnte. Bei mehrmaligem Durchhören kann man auf objektiver Ebene Frau Basilova jedenfalls nicht absprechen, dass sie eine stupende Technik, einen hyperbrillanten Anschlag und zudem eine Menge Mut hat. Ihre radikale Gangart und ihr Mut zu Rubati in dieser Musik, die eigentlich nicht dafür gemacht zu sein scheint, nötigt einem schon Respekt ab.
In letzter Konsequenz ist dieses Album eine ganz außergewöhnliche, höchst individuelle CD, die ich jedem nur als Alternative empfehlen kann, der sich intensiv mit Janáčeks wunderschöner Klaviermusik beschäftigt. Eins kann ich garantiert versprechen: So wie hier haben Sie Janáčeks „Auf verwachs’nem Pfad“, die „Sonate 1.X.1905“ und „Im Nebel“ garantiert noch nicht gehört.
Man muss sich allerdings fragen, ob Helena Basilova mit ihrer zum Teil ziemlich krassen Gangart wirklich den Nerv dieser Musik trifft.

Wie dem auch sei: Diese CD ist äußerst spannend, eben weil sie so weit außerhalb der „Norm“ steht. Klanglich kann man die Aufnahme übrigens als gelungen bezeichnen. Der Aufnahmeklang hat vielleicht etwas zu viel Hall abbekommen, was man insbesondere auch deswegen merkt, weil Basilova ihr Forte megamächtig in die Tasten drückt.

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