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The Listener

Blog für klassische Musik und mehr! ...seit 2003

Latin American Classics
Orquesta Sinfónica de Venezuela - Th. Kuchar

(2012)
Brilliant Classics

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Latin American Classics

Die Rückkehr! Nach über vier Jahren endlich wieder ein "Lebenszeichen" von Theodore Kuchar

von Rainer Aschemeier  •  3. September 2012
Katalog-Nr.: 9262 / EAN: 5029365926225

Diese CD markiert die Rückkehr eines der interessantesten Dirigenten der letzten 20 Jahre. Ich hatte schon befürchtet, man würde gar nichts mehr von ihm hören, doch hier ist er wieder: Theodore Kuchar!
Der ukrainisch-amerikanische Musiker wurde 1960 in New York City geboren und begann seine Karriere als Bratschist. In diesem Sektor brachte er es bis zum ersten Bratschisten des renommierten Cleveland Orchestra und baute sich nebenbei eine eindrucksvolle Laufbahn als Dirigent auf.
Durch einen Mammutvertrag mit Naxos, der über 100 CD-Einspielungen von meist osteuropäischen Werken umfasste, wurde Kuchar – seinerzeit Chefdirigent des Nationalen Sinfonieorchesters der Ukraine – zu einem der meist aufgenommenen und meist verkauften Interpreten der Klassik-Szene.
Besonders beeindruckend dabei war, wie hochkarätig trotz „Fließbandarbeit“ seine Einspielungen ausfielen. Die allermeisten Kuchar-CDs waren nicht nur einfach gut, sie waren vielmehr oberste Spitzenklasse und erreichten in der internationalen Musikkritik oftmals höchste Referenzauszeichnungen.

Kuchar baute seine Dirigierkarriere weiter aus und hält derzeit den Chefdirigentenposten bei nicht weniger als vier internationalen Ensembles, darunter das Fresno Philharmonic Orchestra (seit 2001), das Reno Chamber Orchestra (seit 2003), das Janáček Philharmonic Orchestra im tschechischen Ostrava (seit 2005) und neuerdings auch das Orquesta Sinfónica de Venezuela (seit 2011).
Mit letzterem legte Kuchar nun eine Debüt-CD vor, die seine Zusammenarbeit mit diesem groß besetzten Klangkörper markiert, der sich selbst als ältestes Sinfonieorchester Südamerikas bezeichnet.

Nun sind Klassik-Orchester aus Venezuela nicht so exotisch, wie man meinen möchte. Schließlich haben es Gustavo Dudamel und sein Orquesta Sinfónica Simón Bolivar zu herausragendem Weltruhm und zu einem Plattenvertrag mit der Deutschen Grammophon Gesellschaft gebracht.
Kuchar backt mit „seinem“ Orchester, das wie Dudamels Ensemble ebenfalls aus Caracas kommt, erst einmal etwas kleinere Brötchen und legt mit „Latin American Classics“ eine unverfängliche Compilation beim Low-Budget-Label Brilliant Classics vor. Mit überwiegend unbekannten Werken noch unbekannterer Komponisten (wenn mal einmal von dem hinlänglich prominenten Argentinier Alberto Ginastera absieht) ist die CD dennoch eine gewagte Sache.
Wer kennt schon Komponisten wie José Pablo Moncayo, Artura Márquez, Silvestre Revueltas, Aldemaro Romero, Oscar Lorenzo Fernández oder Yuri Hung? Eben!

Die CD macht aber, wenn man denn erst einmal die Scheu vor dem Fremden überwunden hat, eine Menge Spaß. In der Tat haben Kuchar und sein Orchester überwiegend „schmissige“, leicht verdauliche Orchesterstücke ausgewählt, die mit der richtigen Dosis Exotismus und Tanzmusikflair den Staub aus den HiFi-Boxen wehen. Wäre da nicht zwischendurch immer mal wieder ein Anflug von „ernsthafter“, anspruchsvoller Musik (so etwa bei Alberto Ginasteras „Four Dances from Estancia“ oder Arturo Márquez‘ „Danzón No. 2“), wäre diese CD am Ehesten ein Fall für die Fraktion „Light Classical“ respektive „leichte Klassik“.

Keine Frage: Nicht alles auf dieser CD ist geschmackssicher. Der eine oder andere venezolanische Komponist, der hier vorgestellt wird ist – um im Fußballjargon zu sprechen – dritte Liga. Aber es gibt hier auch Überraschungen und echte Entdeckungen. So ist etwa das bereits erwähnte Werk von Arturo Márquez ein bemerkenswert gut gemachtes Stück Orchestermusik, dass die unbestreitbar glanzvolle Geschichte lateinamerikanischer E-Musik verhalten aber würdevoll in ein neues Jahrtausend führt.

Das Orquesta Sinfónica de Venezuela beweist mit diesem Programm, dass es in der Lage ist, internationale Standards offenbar ziemlich mühelos zu erfüllen. Echte Schwachstellen sind in diesem groß besetzten Orchester nicht auszumachen. Gelegentlich hapert es noch etwas bei der Präzision, doch das wird Theodore Kuchar schon richten – schließlich ist er als Perfektionist bekannt.
Spannend wird nun sein, was wir in der Zukunft wohl noch alles von Theodore Kuchar und seinen Venezolanern erwarten können. Ich würde mich da zum Beispiel über Villa Lobos-Aufnahmen sehr freuen, die unter der Stabführung dieses grandiosen Dirigenten wohl zu einem Highlight par excellence werden würden.
Warten wir’s mal ab…

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