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The Listener

Blog für klassische Musik und mehr! ...seit 2003

H. Brian - Sinfonien Nr. 20 & 25, Fantastic Variations
Nat. Sinfonieorch. d. Ukraine, Andrew Penny

(2011/1994)
Naxos

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Havergal Brian - Sinfonien Nr. 20 & 25; Fantastic Variations on an Old Rhyme

Keine Musik für die "Liebe auf den ersten Blick"

von Rainer Aschemeier  •  29. Juli 2011
Best.-Nr.: 8.572641 / EAN: 747313264179

Es gibt Momente, da streckt man als Hörer und Rezensent von Musik einfach nur noch die Segel. Solch einen Moment hatte ich (zumindest über kurze Zeit) beim Anhören der hier vorliegenden Wiederveröffentlichung zweier Sinfonien des eigenbrödlerischen Briten Havergal Brian, der als William Brian im Jahr 1876 geboren wurde, seinen Künstlernamen „Havergal“ von einer Kirchenmusikerdynastie übernahm und weitgehend verarmt und ignoriert nach einem langen, schwierigen Leben 1972 in Sussex starb.

Ich muss gestehen: Selten stand ich Musik zunächst ratloser gegenüber als hier. Natürlich kann man aber schon beim ersten Annähern bestimmte „Eckpfeiler“ von Brians Musik aufzählen: Der Stil der Stücke ist durchwegs spätromantisch, jedoch teils an der äußersten Grenze zur Moderne, manchmal sogar an der Grenze zur freien Atonalität. Dennoch steht Brians Musik mit einem Fuß auch noch ganz in der typischen Tradition britischer Sinfoniker wie etwa Ralph Vaughan Williams oder Arnold Bax, die auch (zumindest zeitweise) seine Zeitgenossen waren. Gleichzeitig erinnern mich Brians Sinfonien frappierend an die ebenfalls ziemlich verwirrenden Sinfonien Robert Simpsons, der zeitweise für die BBC tätig war, viel mit Havergal Brian konferierte und sich (für mich nicht überraschend) in starkem Maße für dessen Musik einsetzte.

Obwohl viele Musiker, die sich nach Beethoven getraut haben mehr als 10 oder 12 Sinfonien zu komponieren, häufig als Anachronisten oder routinemäßige Vielschreiber belächelt werden, werden die insgesamt 32 vollendeten Werke dieses Typs, die Havergal Brian hinterlassen hat, von Europas renommiertester Musikenzyklopädie „Musik in Geschichte und Gegenwart“ in ungewohnt freimütiger Art und Weise gelobt. MGG-Autor Guido Heldt spricht aber auch aus, was mir als Hörer Schwierigkeiten zu bereiten scheint: „Fortlaufende Verwandlung des thematisch-motivischen Materials und eine Vorliebe dafür, melodische Vorgänge den Baßinstrumenten zu überantworten, erschweren die Faßlichkeit von Brians Musiksprache.“ Ich möchte nach dem Höreindruck der auf dieser CD wiedergegebenen Sinfonien noch ergänzen, dass Havergal Brian zudem eine Vorliebe für teils extreme Intervallsprünge in seinen Melodien hatte, sodass die Melodielinie oft nicht flüssig wirkt, sondern im „Zickzack“ hin und her zu „springen“ scheint. Lyrische, typisch englisch wirkende Passagen, die so oder ähnlich auch aus Vaughan Williams‘ „Pastoral Symphony“ hätten entnommen worden sein können, wechseln sich zudem ab mit oft unvermittelt über den Hörer hereinbrechenden Klanggewittern, die mich manches Mal an die drastischen beiden ersten Sinfonien des Expressionisten Ernst Krenek denken ließen.

Diese Musik ist definitiv nicht nur „schwer fasslich“, wie Guido Heldt sich ausdrückte, sondern sicher auch sehr schwer zu interpretieren, denn durch die hochgradig komplexe Melodik, die Brian an den Tag legt, ist die Phrasierung seiner Musik — also die Herstellung eines für die Hörer nachvollziehbaren melodischen „Zusammenhangs“ — für die Interpreten höchstwahrscheinlich eine der größten Herausforderungen bei der Vorbereitung einer Aufführung der hier vertretenen Sinfonien Nr. 20 und 25, die mit jeweils rund 25 Minuten Spieldauer zu den kürzesten sinfonischen Werken des Briten gehören, der sonst eher für gigantische Riesenwerke bekannt war. So fordert seine erste Sinfonie („Gothic Symphony“), die der Komponist im fortgeschrittenen Alter von bereits 52 Jahren schrieb, einen monumentalen Orchesterapparat und mehrere Chöre und stellt in puncto Aufführungsaufwand alles bislang Dagewesene (inklusive Mahlers Achter) in den Schatten.
Auch Brians 20. und 25. Sinfonie fordern einen zwar großen, aber nicht aus dem Rahmen des seinerzeit Üblichen fallenden Orchesterapparat. Wir haben es hier mit schwieriger, komplexer und teilweise nachgerade ungeniert lärmender Musik zu tun, die sicherlich nichts für jedermann ist, bei näherem „Hinhören“ jedoch zu beeindrucken weiß. Jedoch muss man in der Lage und auch willens sein, sich auf den eigenwilligen Personalstil Brians einzulassen; sonst gewinnt die Ratlosigkeit am Ende tatsächlich die Oberhand über das rationale Musikverständnis.

Das Nationale Symphonieorchester der Ukraine, von dem viele zum Teil ganz großartige Aufnahmen unter der Leitung ihres langjährigen Chefdirigenten Theodore Kuchar bei Naxos und Brilliant Classics vorliegen, schlägt sich auch dieses Mal wieder tapfer und hat mit der technischen Ausführung dieser den Musikern alles abfordernden Partituren offenbar keinerlei Schwierigkeiten. Das Dirigat Andrew Pennys, der für Naxos einst die wunderbare Gesamteinspielung der Sinfonien Malcolm Arnolds besorgte, wirkt sicher im Zugriff und schlüssig bei dem Herangehen an die heikle Aufgabe der „Decodierung“ der Phrasierung dieser verschachtelten Musik.
Lediglich der Aufnahmeklang ist seit der Erstveröffentlichung dieser CD (1994 beim Naxos-Tochterlabel „Marco Polo“) etwas in die Jahre gekommen. Das Blech und die Perkussionsinstrumente tönen zwar immer noch hübsch blank geputzt und treffen den Hörer bei Brians überraschenden akustischen Großangriffen nach wie vor tief in der Magengrube, jedoch befindet sich die akustische Auflösung der Aufnahme insgesamt (vor allem aber die der Streicher) nicht mehr ganz auf heutigem Niveau.
Letzteres kann man von einer inzwischen 17 Jahre alten Aufnahme aber auch kaum verlangen. Da Naxos die CD als Re-Release vermarktet, kann es ja zu keinen Verwechslungen kommen, sodass das (im Übrigen nicht so dramatische) klangliche Defizit dieser Veröffentlichung vollkommen in Ordnung geht.

Fazit: Brians 20. und 25. Sinfonie sind keine Musik für stille Stunden und auch nichts für die musikalische Liebe auf den ersten Blick. Diese Musik muss man erfassen wollen, und selbst dann muss man sie sich noch hart erkämpfen. Gleichwohl zählt sie mit zum Beeindruckendsten, was im 20. Jahrhundert in Großbritannien komponiert wurde und weiß mich durchaus zu begeistern — auch wenn ich nicht behaupten kann, dass sie mir subjektiv gefallen würde. Die CD klingt etwas gealtert (aber nicht sehr), und die Leistung der Interpreten ist wirklich beachtlich.

Alles in allem: Eine gute CD, die es verdient hatte, aus dem Dunkel der Archive erlöst und wieder ins Licht der CD-Regale geholt zu werden!

((Das Hörexemplar der CD für diese Besprechung wurde uns freundlicherweise von der Firma Naxos zur Verfügung gestellt.))

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