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The Listener

Blog für klassische Musik und mehr! ...seit 2003

Robert Schumann - Musik für Cello und klavier
Karine Georgian & Jan Willem Nelleke

(2011)
Naxos

• •

Robert Schumann - Musik für Cello und Klavier

In die Irre geführt

von Rainer Aschemeier  •  22. März 2011

Kenner werden ob des Titels der hier besprochenen CD womöglich stutzen, denn der Anteil Musik, den Robert Schumann neben seinem furiosen Cellokonzert noch für das Instrument komponiert hat, ist (vermeintlich) verschwindend gering. Lediglich eine Kammermusikkomposition ist überliefert, die zudem kaum ein CD-füllendes Programm darstellen würde. Wie also haben Karine Georgian und Jan Willem Nelleke die vorliegende CD überhaupt zusammenstellen können?

Die Antworten auf diese Frage sind zum Einen frappierend einfach und zum anderen routiniert raffiniert. Man bediente sich bei der Programmzusammenstellung nämlich zweier „Tricks“. Robert Schumann schrieb einige Stücke für Blasinstrumente, die er mit dem Hinweis versah, die Solostimme des Blasinstruments könne auch von einem Cello gespielt werden. Wahrscheinlich war er sich ob seiner Komposition „Adagio und Allegro“, op. 70 des Umstands bewusst, dass es mehr Cellistinnen und Cellisten auf der Welt gibt, als Menschen die Horn spielen – denn für dieses Instrument ist das Stück eigentlich verfasst worden. Ähnlich geht es weiter: Die „Fantasiestücke“, op. 73 sind eigentlich für Klarinette und Klavier gesetzt, aber es geht auch mit Cello. Auch bei den „Drei Romanzen“, op. 94 stand zunächst ein Blasinstrument im Fokus: Die Oboe, doch auch hier hatte Schumann bereits das Cello als mögliche Alternative im Sinn.

Ganz anders verhält es sich mit der weithin bekannten Violinsonate Nr. 1, a-moll, op 105. Doch auch diesem Stück haben sich die Interpreten in der Cello/Klavier-Besetzung angenommen, ebenso wie den eigentlich für Bratsche und Klavier gesetzten „Märchenbildern“. Als letzter Kunstgriff erweist sich eine Komposition von Clara Schumann: Auch die „Drei Romanzen“, op. 22 waren ursprünglich für Violine und Klavier vorgesehen.

Wie funktioniert nun diese großangelegte musikalische Austauschaktion? Es ist ein ambivalentes Bild. Wer vorher nicht weiß, inwieweit hier die Instrumente die Rollen getauscht haben, kann dies dem Endergebnis nicht entnehmen. Alles klingt, als sollte es genau so sein, als wäre das Cello das Instrument erster Wahl für diese Musik – nimmt man vielleicht einmal die für die Cellistin halsbrecherischen Schwierigkeiten der Violinsonate einmal außen vor.
Andererseits kann das Endergebnis nicht vollauf überzeugen, denn die Interpreten werden leider Ihrer selbstgesteckten Aufgabe nicht gerecht. Vor allem Karine Georgian, immerhin Celloprofessorin in Manchester, vormals in Detmold und Gewinnerin der Goldmedaille des renommierten Tschaikowsky-Wettbewerbs, erweist sich als eine intonationsunsichere und den immensen Schwierigkeiten der gewählten Kompositionen überhaupt nicht gewachsene Interpretin. Es kiekst und blökt leider an vielen Stellen, und ich schrieb es auf dieser Homepage bereits vor einigen Monaten bei der Rezension der fabelhaften (!) Cello/Klavier-Recital-CD von Wendy Warner und Irina Nuzova: Ein nicht sicher gespieltes Cello kann eine Qual für den Hörer sein. Jan Willem Nelleke gibt ein deutlich besseres Bild ab: Mit warmem Anschlag und dem gewissen Effet an den passenden Stellen scheint er die Musik deutlich souveräner, wenngleich auch hörbar routiniert, zu meistern.
Möglicherweise war dem Duo nur eine (zu) kurze Probezeit vergönnt? Wir werden es nicht in Erfahrung bringen. Jedenfalls steht als Fazit dieser CD der Gesamteindruck im Raum, dass wir es hier (mal wieder) mit der Sorte CD-Produktion zu tun haben, bei der eine gute Programmidee leider keine Resonanz in ebenso guten Interpreten erfährt. Unklar ist auch, warum die Aufnahmen, die bereits aus dem Herbst 2005 stammen, erst jetzt veröffentlicht werden. Aber auch das soll uns nicht weiter kümmern. Von der Klangfront ist nämlich eigentlich nur Gutes zu berichten. Lediglich ein Eindruck verschiedener Räumlichkeit zwischen Cello und Klavier trübt den ansonsten erfreulich guten klanglichen Eindruck dieser CD und zeigt, dass das Naxos-Label seit einigen Jahren schon auch klanglich eine ernst zu nehmende Größe ist. Doch was nützt das, wenn es an der Interpretation hapert? Schade drum! Es ist kaum anzunehmen, dass wir das gleiche, musikalisch sehr hörenswerte, Programm bei einem anderen Label mit anderen Interpreten noch mal in Alternativeinspielungen zu hören bekommen werden.

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