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The Listener

Blog für klassische Musik und mehr! ...seit 2003

Diebstahl im Reich der Tasten

Der kuriose Skandal um die Pianistin Joyce Hatto

von Rainer Aschemeier  •  23. Februar 2007

Eine skandalöse Meldung des britischen „Grammophone“-Magazins sorgte unlängst für gestiegene Schweißabsonderungen auf den Stirnen von Klassikliebhabern und Klassiklabels gleichermaßen. Noch ist unabsehbar, welche Auswirkungen der sog. „Hatto-Skandal“ auf die Klassik-CD-Branche haben wird.

Ein simpler Vorgang war der Auslöser für eine der kuriosesten Skandal-Geschichten, die die Tonträger-Branche bislang hervorgebracht hat. Ein Leser des renommierten Fachmagazins „Grammophone“ hatte beim Apple-Online-Store itunes eine Aufnahme der „zwölf transzendentalen Etüden“ von Franz Liszt erworben. Als Interpretin der Aufnahme war die amerikanische Pianistin Joyce Hatto ausgewiesen, die im Jahr 2006 77-jährig verstorben war. Als der Leser des Magazins die bei itunes erworbenen Dateien unter Zuhilfenahme der von itunes erstellten Disc-ID mit anderen Aufnahmen verglich, stellte sich heraus, dass die Einspielung mitnichten von Joyce Hatto kam. Vielmehr handelte es sich um ein Werk des Pianisten Laszlo Simon aus dem Jahr 1987.

Was war hier passiert? Der „Grammophone“ forschte nach und fand heraus, dass hier viel zu enthüllen war. Insgesamt sechs vermeintliche Hatto-Einspielungen ließ das Magazin von einem Fachinstitut auf Echtheit überprüfen. Das Ergebnis: Alles Plagiate! Der Produzent und Ehemann von Joyce Hatto, W. H. Barrington-Coupe, hatte schlicht und ergreifend hervorragende Aufnahmen von eher mittelprächtig bekannten Pianisten komplett ohne Veränderung kopiert und als Einspielungen seiner Gattin ausgegeben. Die für Joyce Hatto zuständigen Plattenfirmen übernahmen die vermeintlichen „Master“-CD’s kritiklos und pressten z.T. recht große Auflagen mit der Ausweisung, es handele sich um Aufnahmen der amerikanischen Pianistin.

Mittlerweile kursieren Vermutungen, dass der „Fall Hatto“ nicht der einzige seiner Art war und ist. Könnte es sein, dass eine „Mafia“ von Plagiatoren im Klassiksektor existiert? Mal ehrlich: Wer könnte unter der Flut von Klassik-CDs mit Bestimmtheit sagen, er habe hier Hatto oder Simon, Hatto oder Bronfman, Hatto oder Muraro vor sich? Die Kritiker von so renommierten Magazinen und Webseiten wie „Grammophone“ oder „classics today“ konnten es jedenfalls jahrelang nicht. Ihnen bleibt jetzt nur übrig, sich bei ihren Lesern zu entschuldigen und die Wahrheit über alle gefälschten Hatto-CDs ans Tageslicht zu bringen.

Aber was ist, wenn das nur die Spitze des Eisbergs war? Nicht auszudenken wäre der Vertrauensverlust vor allem für kleinere Klassik-Indies, wenn sich herausstellen sollte, dass es mehrere vergleichbare Fälle geben könnte. Denn jetzt wird jeder Klassik-Hörer mit Computer zum Detektiv: Jeder Nutzer kann einfach seine gekaufte CD ins Laufwerk legen und sich über die gratis Onlinedatenbank CDDB die Trackdaten des eingelegten Tonträgers abrufen lassen. Sollte als Ergebnis herauskommen, dass es eine oder mehrere von den Trackdaten her identische CDs von anderen Interpreten gibt, ist ab sofort Skepsis angesagt. Auf weitere Neuigkeiten zur Sache kann man gespannt sein.

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