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The Listener

Blog für klassische Musik und mehr! ...seit 2003

R. Vaughan Williams - Konzert für zwei Klaviere / Sinfonie Nr. 5
Musikkollegium Winterthur - D. Boyd, Duo Tal & Groethuysen (Klavier)

(2012)
Sony Classics

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Ralph Vaughan Williams - Konzert für zwei Klaviere / Sinfonie Nr. 5

Kurioser Schweizer Vaughan Williams - eine CD, die Rätsel aufgibt...

von Rainer Aschemeier  •  10. August 2012
Katalog-Nr.: 88725423112 / EAN: 887254231127

Merkwürdige Dinge gehen vor im schweizerischen Winterthur. Anno 2009 wurde dem dort ansässigen, bereits 1629 (!) gegründeten Orchester „Musikkollegium Winterthur“ ein schottischer Chefdirigent verordnet – und nun fängt eben dieser an, auch noch Musik von den britischen Inseln zu importieren!
Geschmack hat er allerdings, dieser Douglas Boyd – das muss man ihm lassen! Das Konzert für zwei Klaviere von Ralph Vaughan Williams, gepaart mit dessen fünfter Sinfonie – das ist ein wirklich tolles CD-Programm…
...das es so allerdings schon ein paar Mal gab, unter anderem vom Royal Philharmonic Orchestra unter dem Dirigat von Sir Yehudi Menuhin (seinerzeit auf Virgin Classics) sowie von dem London Symphony Orchestra unter Bryden Thomson (seinerzeit bei chandos). Beide genannten Einspielungen sind zudem noch gar nicht soooooo alt, entstanden beide in der Digitalära während der 1990er-Jahre.

Nun folgt also eine Vaughan Williams-Einspielung aus der Schweiz. Neben dem Musikkollegium Winterthur unter ihrem GMD Douglas Boyd musiziert auch das hochgradig prominente Klavierduo Tal & Groethuysen, das wohl den eigentlichen „Starfaktor“ bei dieser ansonsten unkonventionellen Besetzung repräsentiert.
Die CD wird von Sony Classics als High Price-Premium-CD vermarktet und soll demnach wohl auch eine Premium-Kundschaft ansprechen.

Stellt sich also die Frage, ob diese CD ihr Geld wert ist, denn schließlich gibt es beide eingespielten Stücke bereits vielfach auf dem CD-Markt, allerdings zumeist von britischen Orchestern und Dirigenten eingespielt, was aber – wie wir sehen werden – nichts Schlechtes sein muss.

Ich persönlich, der ich seit nunmehr 23 Jahren ein absoluter Hardcore-Vaughan-Williams-Fan bin und deutlich über 100 Vaughan Williams-CDs in meiner Sammlung mein Eigen nenne, stehe angesichts dieser Novität aus dem Hause Sony Classics bekennendermaßen unter Schock!
Nicht zuletzt liegt das am Sound dieser CD (zur Interpretation komme ich noch zu sprechen). Andreas Werner (ein Tonmeister, der offenbar schwerpunktmäßig in der Schweiz tätig ist und unter anderem schon für cpo und capriccio aufgenommen hat) hat diese Einspielung mit viel, viel Raumklang ausgestattet. Man höre zum Beispiel auf die Solo-Oboe im zweiten Satz des Klavierkonzerts, man höre generell auf das Klavierduo, das so viel Raumhall verpasst bekommen hat, dass die Konturen verwischen, Kontraste verloren gehen.
Die Balance der einzelnen Orchestergruppen wirkt durchwegs artifiziell. Sobald irgendein Instrument ein Solo spielt, ist es plötzlich unnatürlich laut, so etwa das Violoncello, ebenfalls am Ende des zweiten Satzes des Klavierkonzerts. Insgesamt wirkt sich die Akustik, die schlicht und ergreifend nach leerem, großen Saal klingt, zum Teil verheerend auf das gesamte Klangbild aus: Alles poltert und rumpelt mächtig, das Orchester wirkt wie in Einzelsektionen aufgesplittet, als sei jede Instrumentengruppe in einem anderen Raum aufgenommen worden.
Ich fragte mich während des Hörens die ganze Zeit, was das wohl soll!? Im Endeffekt kann man vielleicht ins Feld führen, dass der Tonmeister hier eventuell der „ruppigen“ Interpretation mit einem adäquaten Klangbild begegnen wollte.

Womit wir beim nächsten Streitfall wären – der Interpretation. Noch nie, wirklich noch nie, habe ich einen Dirigenten erlebt, der sein Orchester dermaßen durch Vaughan Williams-Stücke peitscht. Vor allem im ersten Satz des Konzerts für zwei Klaviere, aber auch im Scherzo der fünften Sinfonie ist das auffällig. Es fällt vor allem dadurch auf, dass der Musik der für Vaughan Williams-Scherzi so typische „umpah-umpah“-Rhythmus völlig abhanden kommt, es fällt aber auch dadurch auf, dass das Orchester konsequent am Limit musiziert. Die Musiker wirken tatsächlich wie gepeitschte Rennpferde, die es – koste es was es wolle – irgendwie durch das Musikstück schaffen müssen. Hauptsache ins Ziel!
Auch hier frage ich mich: Wie soll man das eigentlich sinnvoll begründen?
Die langsamen Stellen (und die fünfte Sinfonie ist ja überwiegend langsam im Tempo) ziehen die Winterthurer unter Boyd hingegen wie Kaugummi – das totale Kontrastprogramm zu den schnellen Sätzen!

Nehmen wir zum Beispiel als Referenz einmal die fünfte Sinfonie im Dirigat des Komponisten selbst (1952er Rundfunkaufnahme der BBC mit dem BBC Symphony Orchestra, 2009 erstmals auf CD veröffentlicht beim Somm Recordings). Wenn man davon ausgehen kann, dass Ralph Vaughan Williams seine Sinfonie anno 1952 so dirigiert hat, wie er es für richtig hielt, so muss man feststellen, dass Douglas Boyd bei dieser jüngsten Einspielung des Stücks auf Sony Classics beim Scherzo eine gute halbe Minute schneller ist, als der Komponist, bei den drei anderen Sätzen hingegen mindestens eine Minute (oft mehr) langsamer. Und dabei galt Vaughan Williams selbst schon als tendenziell „flotter“ Dirigent seiner Werke.
Zieht man die als Referenzeinspielung titulierte EMI-Aufnahme der Fünften unter Sir Adrian Boult heran, die ebenfalls in den 1950er-Jahren entstand, sind die Spielzeitabweichungen noch krasser und betragen bei manchen Sätzen der Fünften gar bis zu zwei Minuten pro Einzelsatz.

Wow! Diese CD ist ein echter Schock für alteingesessene Vaughan Williams-Fans, wie mich. Und ich gebe zu: Ich persönlich verstehe den Ansatz der hier musizierenden Interpreten in keinster Weise. Soll das der Vaughan Williams-Sound des 21. Jahrhunderts sein? Dann kann ich nicht verhehlen, dass ich etwas erschreckt bin.

Fazit: Eine CD, die vor dem Kauf unbedingt gewissenhaftes Probehören bedarf! Ich kann mir kaum vorstellen, wie man sich mit der hier zu hörenden „High-Speed-Version“ des Konzerts für zwei Klaviere anfreunden kann. Die fünfte Sinfonie in der kontrastierenden „so-langsam-wie-möglich“-Lesart mag hingegen ihre Freunde finden. Der Sound ist für mein Empfinden nicht optimal ausbalanciert. Alles in allem halte ich diese Novität aus dem Hause Sony Classics für eine Einspielung, die man eher kurios nennen könnte als gut.

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