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The Listener

Blog für klassische Musik und mehr! ...seit 2003

Felix Mendelssohn Bartholdy - Sämtliche Meisterwerke
verschiedene Interpreten

(2009)
Sony Classical

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Felix Mendelssohn Bartholdy - "sämtliche Meisterwerke"

Zum Vererben schön!

von Rainer Aschemeier  •  16. Januar 2009

„Gesamtwerk-Boxen“ sind immer so eine Sache… „Meisterwerk-Boxen“ erst recht. Und so war denn auch die Beethoven- „Meisterwerk-Box“ mit 60 CDs von Sony Classical im Jahr 2007 eine Angelegenheit, die man mit „ordentlich, aber nicht herausragend“ umschreiben konnte (s. Review an anderer Stelle). Und tatsächlich legte das „Brilliant Classics“-Label im Jahr 2008 das Beethoven-Gesamtwerk in einer 85-CD-Box vor, die in fast allen Belangen der Sony Classics-Box deutlich überlegen war.

Nun versucht es Sony Classical erneut und stellt zum Jahresanfang 2009 die Box „Mendelssohn – Sämtliche Meisterwerke“ in die Läden. Mit dem Package gedenkt Sony Mendelssohns 200. Geburtstag zu gedenken (der aber wohl im schon jetzt omnipräsenten „Haydn-Jahr“ etwas unterzugehen droht…). Die schön und wertig gestaltete, würfelförmige Box enthält 40 CDs aus dem Programm der Sony-Labels, also Sony Classical, RCA Red Seal, Arte Nova, Eurodisc und Harmonia Mundi. Ein 129-seitiges Booklet (leider nicht ganz so hübsch gemacht wie der Rest des Inhalts) sorgt für Information und räumt endlich mit der Unsitte auf, Boxen dieser Art nur mit einer pdf-CD-Rom auszustatten, die man ja eh nie wirklich in den PC schiebt, während man gerade Musik hört.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Sony hat seine Hausaufgaben diesmal mit Sorgfalt erledigt und präsentiert eine Sammlung mit fast ausschließlich vorzüglichen bis vorzüglichsten Einspielungen. Hier eine kleine Auswahl: Streichersinfonien mit der Hanover Band unter Roy Goodman, Sinfonien mit dem Gewandhausorchester unter Kurt Masur (leider liegt hier aber die ältere Eurodisc-Einspielung vor, die jüngere bei Warner Classics ist besser), Ouvertüren und Chorwerke mit den Bamberger Sinfonikern unter Claus Peter Flor (das ist GANZ großes Kino! Fantastisch!), die Klavierkonzerte mit der Academy of St. Martin-in-the-Fields unter Neville Marriner mit dem Solisten Murray Perahia, die Konzerte für zwei Klaviere mit dem Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy und Arthur Gold und Robert Fizdale, das berühmte erste Violinkonzert mit dem Philadelphia Orchestra unter Eugene Ormandy und dem Violinisten Isaac Stern, Kammermusik mit sehr schönen Aufnahmen (u. a. Jascha Heifetz, Julian Bream, L’Archibudelli bzw. Anner Bylsma, Henschel Quartett, Isaac Stern, Steven Isserlis und Melvin Tan), Klaviermusik mit Murray Perahia, Matthias Kirschnereit, Rudolf Serkin, Glenn Gould und Vladimir Horowitz sowie die ziemlich umfassenden Orgelwerke mit Stefan Johannes Bleicher.

Leider konnte es sich Sony auch dieses Mal wieder nicht verkneifen, die Prominenz der Interpreten vor die Qualität der Aufnahmen zu stellen, so wäre die Gesamteinspielung der Sinfonien der Bamberger Sinfoniker unter Claus Peter Flor objektiv betrachtet besser gewesen als die (auch klanglich) etwas altersschwache Einspielung des Gewandhausorchesters mit Masur. Aber man kann die Firma hier natürlich auch verstehen: Zum Einen darf in einer Mendelssohn-Box das Gewandhausorchester nicht fehlen (dem Mendelssohn Bartholdy ja einst als Kapellmeister vorstand), zum Anderen gilt die alte Masur-Aufnahme allgemein (aber durchaus irrtümlich) als Referenz.

Auch die „donnernden Virtuosen“ vom Schlage Horowitz, Serkin und Gould hätte man sich meinetwegen zugunsten von weniger exzentrischen Aufnahmen gern ersparen können. Die Box ist somit hinsichtlich der verwendeten Aufführungstraditionen unausgewogen. Man kann sagen, dass rund ein Drittel der Box aus Material besteht, das auf altem Instrumentarium nach dem Prinzip der historischen Aufführungspraxis eingespielt wurde, ein weiteres Drittel würde ich als „historisch informiert“, aber mit modernem Instrumentarium, bezeichnen. Für mich persönlich ist das letzte Drittel mit den Aufnahmen „alter Haudegen“ das wohl problematischste. Hier gibt es nun einmal hier und da Einspielungen, von denen man ganz klar feststellen kann, dass es sich dabei um eher exzentrische und stark subjektiv gefärbte Interpretationen handelt (z. B. Gould und Horowitz). Auch solche Aufnahmen haben ihre Berechtigung, klar. Aber muss das sein in einer Box, die das Werk eines Komponisten nicht weniger als repräsentativ präsentieren will? Wenn es sein muss, dann wohl aus rein kommerziellen Beweggründen. Denn eine Box mit „Horowitz“ im Absender verkauft sich (vermeintlich!) besser als eine Box, an der „Kirschnereit“ an gleicher Stelle stünde.

Im Großen und Ganzen sind die „Meisterwerke“ von Felix Mendelssohn Bartholdy in der Form, wie sie hier nun bei Sony vorliegen aber eine mehr als nur solide, sondern in Teilbereichen wirklich phänomenale Ansammlung von Einspielungen, die sicherlich noch lange ihresgleichen suchen wird. Einige Einspielungen (so z. B. die Oratorien, die Streichersinfonien, die Kammermusik für Cello und Klavier, die Klavierkonzerte und noch Anderes) kann ich mir persönlich kaum besser wünschen, als es hier vorliegt. Die rund 50 Euro in die 40-CD-Box sind hervorragend investiertes Geld. Außer den Sinfonien, dem ersten Violinkonzert und einigen Klavierstücken kommt man hier alternativlos durchs ganze Leben. Falls es in 40 Jahren noch CD-Player gäbe, dann wäre das eine Sammlung, die man gern vererben würde.

Laut Informationen von Sony Classical ist die Box „streng limitiert“ – was auch immer das heißt. Sicher besteht kein unbedingter Anlass zur Eile beim Kauf, aber ich empfehle jedenfalls jedem Musikinteressierten die Anschaffung. Zumal Mendelssohn sooooo wunderbare Musik geschrieben hat! Es ist wirklich frappierend, was für ein kompositorisches Niveau hier durchweg vorliegt. Mendelssohn ist für mich – noch vor Schubert, Schumann, Dvorak und erst recht Brahms – der interessanteste Romantiker, zumal er noch mit einem Fuß in der Wiener Klassik steht. Es gibt hier einzigartig gute Musik zu entdecken, und es ist völlig unverständlich, warum Mendelssohn nicht mindestens genauso häufig zu hören ist, wie seine heutzutage prominenteren Zeitgenossen.

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