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The Listener

Blog für klassische Musik und mehr! ...seit 2003

Die besondere CD: Danae Dörken – Fantasy

Wie Wasser in der Wüste: Danae Dörken lebt, atmet und empfindet Musik, wie nur wenige andere Nachwuchspianisten in Deutschland

von Rainer Aschemeier  •  10. Juni 2014

Talente und Nachwuchssternchen gibt es gefühlt in der Klassik-Szene zahlreicher als ein nachwachsendes Publikum, an das sich diese neuen Interpreten in Zukunft wenden könnten.
Leider geben ja auch nur die wenigsten jungen Künstler zu echter Begeisterung Anlass. Zwar spielen fast alle technisch mehr oder weniger perfekt und makellos, dabei agieren sie aber oft genug mit einer emotionalen Kühle, dass man bei solchen Interpreten nicht selten das (zugegebenermaßen sehr uncharmante) Gefühl hat, man würde einem mechanischen Piano beim „Abspulen“ seiner Lochwalze zuhören.
Wer kann da noch mit Klassischer Musik wirklich begeistert werden? Wo sind heute die wirklich wichtigen, weil individuell interessanten, Nachwuchspianisten, die sich nicht bei der Masse anbiedern, sondern sich die große Klaviertradition der alten Granden vornehmen: Solomon, Haskil, Perlemuter, Cherkassky, Fischer, Michelangeli, Fiorentino, Schiff, Demus, Brendel?

Nun, zum Glück gibt es gerade in den letzten zwei, drei Jahren einige Nachwuchskünstlerinnen und -künstler, die wieder aus anderem Holz geschnitzt sind.

Das sind nicht mehr so aalglatt polierte Wettbewerbstypen, bei denen nichts anderes zählt als Technik, Technik, Technik. Das sind andere Naturen, die schon in jungen Jahren verstanden haben, das zu wahrhaftiger Größe vor allem Persönlichkeit und Wagemut gehört. In diese Reihe bemerkenswerter Künstlerinnen und Künstler möchte ich zum Beispiel Ottavia Maria Maceratini und Pavel Kolesnikov stellen, aber besonders auch Danae Dörken.

Die erst 22 Jahre junge Pianistin kam bereits im Alter von 10 Jahren in die Klavierklasse des legendären Klavierprofessors Karl-Heinz Kämmerling (dem man allerdings nicht gerade nachsagte, er würde seine Zöglinge dazu erziehen, Individualität vor Technik zu stellen). Nach dem Tode Kämmerlings übernahm dessen einstiger Eleve Lars Vogt die weitere Ausbildung Danae Dörkens.
Vergleicht man nun Dörkens 2012 erschienenes, mutiges (Janáček!) Debütalbum mit ihrem nun brandneu erschienenen Album mit Klavierfantasien, ist klar: Danae Dörken hat sich rapide in die richtige Richtung weiterentwickelt.

Ihr bisheriger Klaviersound, den ich als „Glockenklang“ titulieren würde, ist einer weit differenzierteren, vielfältigeren Klangpalette gewichen, bei der man das einstige glockenklangähnliche Dörken-Trademark zwar noch heraushören kann, nun aber nicht mehr überall, sondern an den richtigen Stellen.
Des Weiteren (...und hierfür könnte Lars Vogt sinnstiftend gewesen sein…) ist Dörken zu einer wirklich mutigen Interpretin herangereift, die Schumanns Fantasie Op. 17 mit einer faszinierend persönlichen Note gibt und diese Musik ebenso wie Schuberts Wandererfantasie mit einer so sagenhaft musikalischen Phrasierung interpretiert, wie sie selbst die Großen der Szene nur selten hinbekommen.
Die Fantasie fis-Moll von Carl Philipp Emanuel Bach (klug ausgewählt zum Jubiläumsjahr) spielt sie gar in einem geradezu romantisch anmutenden Gestus. Deutlicher und kaltschnäuziger kann man eigentlich der „historisch informierten“ Fraktion von C.P.E. Bach-Pianisten keine Absage erteilen, als Dörken es hier tut. Ich finde: Eine Wohltat! Und ein weiteres mutiges Statement…

Wer einmal den Blindtest macht, und dieses Dörken-Album gegen einige vermeintlich führende Pianisten der heutigen Klassikbranche antreten lässt, der wird kaum glauben können, dass es sich hier um eine 22-Jährige handelt, die sich auf dem Papier noch in einer Phase der Ausbildung und der Vervollkommnung befindet.

Faktisch hören wir hier kein Talent mehr, sondern eine reife Künstlerpersönlichkeit. In meinen Augen ist Dörken mit diesem Recitalprogramm zu einer der derzeit spannendsten Pianistinnen Deutschlands herangereift. Zu einer Künstlerin, die das Zeug dazu hat, schon innerhalb der nächsten zehn Jahre zu den interpretatorisch Tonangebenden in Deutschland und Europa zu gehören. Und mir persönlich gefällt ihre eigene individuelle Tonsprache übrigens auch besser, als diejenige ihres Mentors Lars Vogt. Und auch das spricht ja für sich: Diese junge Pianistin studiert zwar bei Vogt, hat aber einen eigenen Klang, eine eigene Vision. So muss es sein!

Fazit: Dieses Album ist ein definitives „Muss“ für jeden, der gelangweilt ist von dem fadenscheinigen Perfektionismus der wettbewerbspolierten Lochkartenpianisten. Danae Dörken ist anders. Danae Dörken lebt, atmet und empfindet Musik! Ganz, ganz großes Kino! Wir können uns glücklich schätzen, eine solche pianistische Persönlichkeit hoffentlich noch viele Jahre lang erleben zu dürfen und ihren Weg anhand von hoffentlich noch vielen vielen so großartigen CD-Einspielungen wie dieser hier zu begleiten.
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CD-Details:

Danae Dörken
„Fantasy“
Ars Produktion / Vertrieb: note 1
Katalog-Nr.: ARS 38 150
EAN: 4260052381502

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