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The Listener

Blog für klassische Musik und mehr! ...seit 2003

Abenteuer, Musizierlust, Feinstruktur

Lutz Landwehr von Pragenau und das Orchester am Singrün

von Christoph Schlüren  •  6. Dezember 2014

Laienorchester – oder, wie sie in der organisierten Form heißen, Liebhaberorchester – sind über Deutschland reich verteilt und sorgen auch an vielen Orten für ein lebendiges Musizieren bekannter symphonischer Werke, wo dies die meisten Konzertgänger nicht vermuten würden. Natürlich findet dieses Musizieren nicht auf einem selbstverständlichen technischen Niveau statt wie bei den professionellen Orchestern, die man sich in kleineren Städten auch schon längst nicht mehr leisten kann und selbst – dank Abwicklungsverbrechern in öffentlich-rechtlichen Schlüsselpositionen – in einer Stadt wie Freiburg mittlerweile mit zielsicherer Dummheit und Verantwortungslosigkeit abschafft. Aber zurück: es kommt kaum je vor, dass über ein Konzert eines Liebhaberorchesters überregional berichtet wird, jedenfalls nicht aus künstlerischen Gründen. Warum sollte man auch so genau hinschauen, wo ohnehin keine Topklasse zustande kommen kann, zumal in einer Zeit, wo die Feuilletons oft nicht einmal mehr über eine Uraufführung mit einem führenden Orchester berichten? Das alles sind zureichende Argumente, wenn wir uns auf die Frage der instrumentaltechnischen Perfektion beschränken, auf jene terroristische letztgültige Kategorie, wie sie uns der Siegeszug des im Studio produzierten, aus tausenden Schnitten zusammengefügten kommerziellen Tonträgers beschert hat. Nun muss eines klar sein: technische Perfektion ist nicht unwillkommen, aber weder ist sie das wesentlichste Kriterium für die Qualität einer Aufführung, noch sollten wir irgendein Konzert in der Erwartung besuchen, dass es so perfekt klingt wie eine künstlich zusammengefügte Schallplattenaufnahme, auf der alle Schwächen nachträglich ausgemerzt werden. Ich gehe gerne in Aufführungen von Laienorchestern, wenn ich weiß, dass der Dirigent ein hervorragender Musiker ist. Und weitaus lieber als in ein Konzert eines professionellen Ensembles, das von einem ebenso professionellen Dirigierdienstleister koordiniert wird, ohne dass – aufgrund unzureichender Probenzeiten, routiniertem „wir wissen schon, wie es geht“, größenwahnsinniger Arroganz, etc. – etwas musikalisch Einmaliges, bezwingend Zusammenhängendes geschieht.
Am 23. November spielte im Audimax der Regensburger Universität, einem Kulturbunker in einem massiven Betonareal, das Orchester am Singrün unter der Leitung seines Chefdirigenten Lutz Landwehr von Pragenau. Seit 1999 steht er dem 1986 gegründeten Orchester vor und hat – mit jeweils auf 2 Jahre verteilten 3 Orchesterphasen – eine erstaunliche, von Freude getragene Disziplin und auf aktivem Zuhören basierende Kultur des Zusammenspiels erreicht. Viele der großen symphonischen Werke der Literatur vom Barock bis in die jüngste Moderne sind in charakteristisch treffsicherer und formbewusster Durcharbeitung in diesen Jahren einstudiert worden, an vielen gemeinsamen Wochenenden, woraus eine Vertiefung in die spezifischen Qualitäten der Werke erreicht wird, wie sie der schnelle Tagesbetrieb der subventionierten Häuser nicht zulässt. Ich denke nur an eine wunderbar filigran balancierte, transparent ausgehorchte und subtil geschmeidig phrasierte Aufführung von Maurice Ravels Suite aus Ma mère l’oye vor einigen Jahren…
Lutz Landwehr von Pragenau, geboren 1963 in Regensburg und Wahlmünchner, ist von Haus aus Komponist der von Wilhelm Killmayer geprägten Münchner Schule und in jüngerer Zeit dabei, einen wirklich eigentümlichen Stil zu finden, der unabhängig von den selbstverliebten ästhetischen Topoi einer Moderne ist, die sich, in einer einst der Umbruchstimmung der zwanziger Jahre angemessenen Haltung, zwar weiterhin allzu gerne als Avantgarde sieht, jedoch in ihrem publikumsfernen Narzissmus längst zu einer nur dank massiver Lobbyarbeit und selbstgefälliger Ideologien weiterexistierenden, in reaktionärer Selbstbewunderung erstarrten „festen Burg“ des bleiernen Stillstands degeneriert ist, wo man vor allem weiß, was nicht geht, und verzweifelt sucht, was stattdessen noch gehen könnte. Lutz Landwehr von Pragenau ist nicht nur ein Komponist, der sein Metier mit allen problematischen Aspekten kennt, sondern ganz besonders ein exzellenter Dirigent, der sich mit äußerster Flexibilität in allen Tonsprachen bewegt, die die abendländische Musikkultur hervorgebracht hat.
Diesmal spielte das Orchester am Singrün unter seiner Leitung die Fantasie-Ouvertüre ‚Romeo und Julia’ von Tschaikowsky, das Kontrabasskonzert von Nino Rota und die Siebte Symphonie in d-moll – seine stärkste – von Antonín Dvorák. Natürlich ist es so, dass klanglich weder das Volumen noch die makellose Schönheit und darauf aufbauende Ausdrucksfähigkeit ausreichen, um nicht zwischendurch den Eindruck gewisser Längen bei Tschaikowsky entstehen zu lassen. Aber dieser Eindruck stellt sich – aus anderen Gründen, aufgrund hochglanzpolierter innerer Leere – auch in den meisten professionellen Aufführungen ein. Dafür ist der Charakter erfasst, der organische dramaturgische Bogen, und man kann sich ein bisschen vorstellen, wie so etwas zu Lebzeiten des Komponisten erklungen haben kann. Man wünscht dem Orchester einen größeren Streicherkörper, um auch ein wenig mehr Kraft entfalten und derart dem oft im Verhältnis zu mächtigen Blech Paroli bieten zu können. Es ist nicht nur die Begeisterung und das Abenteuer, was hier ansteckend wirkt, es ist insbesondere auch die wirklich kompetente, musikantisch fesselnde, fein artikulierende Erarbeitung, und Lutz Landwehr von Pragenau führt das Ganze mit einer gewaltlos natürlichen Autorität, einer fein abgestuften Natürlichkeit der Geste, einer Eleganz und sanft bestimmenden Kraft, wie dies den meisten seiner prominenteren Kollegen nicht attestiert werden kann.
Solist in Nino Rotas Kontrabasskonzert ist Andreas Riepl, Mitglied des Bayerischen Staatsorchesters, und er macht seine Sache ausgezeichnet, sowohl was die verspielte technische Vertracktheit dieses für den Solisten sehr dankbar geschriebenen Werkes betrifft, als auch hinsichtlich des hinreißend naiven Humors. Viel Prokofieff ist in diese harmonisch sehr gewitzte, farbenreiche, schelmenhafte Komposition eingeflossen, deren langsamer Satz in seiner lichten Tristesse einen ganz eigenen, sehr berührenden und eben nicht sentimentalen Ton trifft. Das Finale gerät kompositorisch schwächer, dafür kann ein marschartiges Scherzo umso mehr fesseln, auch wenn hier die markierte Prägnanz der punktierten Noten in den Streichern unzureichend ist. Doch was wiegt dieser Schwachpunkt angesichts der Wendigkeit des mit dem Solisten voller Überraschungen interagierenden Orchesters. Besser kann man es unter den gegebenen instrumentalen Voraussetzungen nicht machen, und keine gewöhnliche professionelle Routinedarbietung kann diese Freude, diesen Reichtum, diese Spannweite des Ausdrucks vermitteln. Das höre ich mir wirklich lieber an als beispielsweise irgendein Konzert der Münchner Philharmoniker, mit Ausnahmen natürlich.
Zum Abschluss Dvoráks Siebte, vielleicht ein bisschen zu langsam im Kopfsatz, ein bisschen zu zügig im Poco adagio, und gewiss zu wenig brillant und leicht in der 2:3-Artikulation des Scherzos – doch das ist den spieltechnischen Grenzen geschuldet. Ansonsten wächst das Orchester über sich hinaus, leistet eingedenk aller Schwächen ein durchweg fesselnde, teils geradezu furiose Aufführung. Landwehr von Pragenau zeigt sich als Meister großformaler Disposition, führt seine Musiker herrlich feinfühlig durch die Modulationen des langsamen Satzes, entlockt ihnen das Äußerste an Kontrastfähigkeit und kantabler Kontinuität, und hat es überhaupt nicht nötig, in dieser Musik irgendwelche Elemente herausstreichen zu wollen, die nicht in ihrer Natur liegen. Dies gilt auch für den Slawischen Tanz in g-moll aus Dvoráks Opus 46, der als Zugabe das Publikum begeisterte. Gerne würde ich Lutz Landwehr von Pragenau nun auch einmal mit einem unserer professionellen Orchester hören, mit genug Zeit für eine wirklich bemerkenswerte Einstudierung versteht sich. Vielleicht gelänge es ihm ja sogar, etwas vom ursprünglichen, abenteuerfreudigen Liebhabergeist seiner Regensburger Kameraden überspringen zu lassen.

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