Go to content Go to navigation Go to search

The Listener

Blog für klassische Musik und mehr! ...seit 2003

Apotheose der russischen Orchestermusik

Die Kolumne: "Listening for the-listener": Christoph Schlüren - Folge XVIII

von Christoph Schlüren  •  26. April 2014

Reinhold Glières 1911 vollendete Ilya Muromets-Symphonie, seine dritte und letzte, gehört zu den respekteinflößenden Monstern der großorchestralen Literatur zwischen Tradition und Moderne. In der westlichen Welt wurde das gigantische Ungetüm durch die grandiosen Aufführungen und Aufnahmen Leopold Stokowskis bekannt, wobei dieser in Abstimmung mit dem Komponisten drastische Kürzungen des knapp 80minütigen, viersätzigen Werks vornahm und über das symphonische Drama hinaus auch die Orchestration mit all seiner retouchierenden Hexenkunst noch brillanter und kontrastschärfender zuspitzte. Keine andere Aufnahme konnte sich auch nur im entferntesten mit dem messen, was Stokowski mehrfach in kompakter zugeschnittener Form hinterlassen hat, zumal uns die großen sowjetischen Dirigenten wie Mrawinsky, Kondraschin oder Roschdestwenskij mit diesem ausufernden Meisterwerk ebenso wenig beglückt haben wie vor ihnen der unvergessliche Nikolai Golovanov. Auch braucht ein so gewaltig und raffiniert instrumentiertes Werk natürlich eine hochkarätige Aufnahmetechnik, wie sie heute mehr denn je zur Verfügung steht. Diese Symphonie ist ein exemplarischer Prüfstand für die Fähigkeiten von Orchester und Dirigent, für die Qualität der Saalakustik und die Qualitäten einer dynamisch und räumlich weitgestaffelten Tontechnik.

Über die Abstammung Reinhold Glières, geboren am 11. Januar 1875 in Kiew als Reinhold Ernest Glier und verstorben am 23. Juni 1956 in Moskau, sind nach wie vor höchst unzutreffende Legenden im Umlauf. Nicht nur, dass manche tatsächlich meinen, er sei aserbeidschanischer Abstammung, weil er sich besonders intensiv um die dortige Volksmusik kümmerte. Hartnäckig hält sich das auch in diesem Booklet weitergereichte Gerücht, seine Vorfahren seien Belgier gewesen. Dies hängt zweifellos mit der gebräuchlichen Schreibweise seines Namens zusammen, doch dann dürfte auch der große russische Pianist Yakov Flier, nunmehr Flière, Sohn belgischer Einwanderer sein. Nein, Reinhold Glière war der zweite Sohn des aus dem Vogtland eingewanderten Blasinstrumentenbauers Ernst Moritz Glier und der Polin Józefa Korczak aus Warschau. Er studierte in Moskau Komposition bei Sergej Tanejev, Anton Arenskij und Nikolai Ippolitov-Ivanov, war ein hervorragender Violinvirtuose und sehr guter Pianist, und hielt sich 1905-08 in Berlin auf, wo er sich von Oskar Fried zum Dirigenten ausbilden ließ. Als Kompositionslehrer hatte er in Russland nicht seinesgleichen, zu seinen Schülern gehören Sergej Prokofieff, Nikolai Miaskovskij, Boris Liatoschinskij und Aram Chatschaturian.
Als junger Komponist schrieb Glière viel Kammer- und Klaviermusik, Lieder und zwei Symphonien in überlieferter Form in der Nachfolge von Tschaikowskij und Tanejev. Zugleich war er wie die großen Meister der nationalrussischen Schule um Rimskij-Korsakov, Borodin, Balakirev, Glasunov und Nikolai Tscherepnin äußerst fasziniert von der orientalischen Kultur, was sich nicht nur in Form quasi-improvisatorischer, reicher modaler Ornamentik niederschlug, sondern auch in den Sufi-Sujets seiner Opern ‚Schach-Senem’, ‚Leila und Madschnun’ und ‚Gyulsara’.

Ab Mitte der zwanziger Jahre, nach dem überwältigenden Erfolg seines von den Machthabern bald in ‚Rote Blume’ umbenannten Balletts ‚Roter Mohn’, schrieb er neben einigen Opern fast ausschließlich Orchestermusik, worunter einige intimer angelegte Solokonzerte für Harfe, Koloratursopran-Vocalise, Cello, Horn und (unvollendet) für Violine herausragen, jedoch keine weitere Symphonie, und wurde mit staatlichen Ehren überhäuft. In seinen an ehrfurchteinflößenden al fresco-Wirkungen reichen Schöpfungen für großes Orchester gehört er zu den imposanten Großmeistern der Orchestration im 20. Jahrhundert.

Vorliegende Neuaufnahme der Ilya Muromets-Symphonie, Glières bei weitem bedeutendsten und beeindruckendsten Werks in großem Format, profitiert unüberhörbar davon, dass das Buffalo Philharmonic Orchestra und seine Chefdirigentin es zum Mittelpunkt der Konzertsaison 2012-13 auserkoren haben und erst nach umfangreichen Proben und mehreren Konzerten an drei Tagen im vergangenen Mai aufnahmen. Man hört einfach sofort, dass die Musiker wissen, in welchem Zusammenhang das steht, was sie gerade tun, und das hebt diese Einspielung weit ab von der aktuellen Konkurrenz etwa des BBC Philharmonic bei Chandos unter Edward Downes, wo die übliche professionelle Routine innerer Zusammenhangslosigkeit herrscht. Man kann so etwas nicht einfach Take für Take aufnehmen, ohne es je durchgespielt zu haben, und dann davon ausgehen, es würde sich das, was keiner an Kontinuität empfunden hat, schon irgendwie von alleine einstellen. Umso bedauerlicher finde ich, dass mehrere Male die sehr breiten Tempi in der Partitur vollkommen unnötig weit zügiger als gefordert genommen werden und dadurch das tatsächliche Ausmaß der Gegensätzlichkeit in der Gesamtdramaturgie nivelliert wird. Trotzdem ist dies die bisher bei weitem verständlichste, folgerichtigste Aufnahme der ungekürzten Ilya Muromets-Symphonie, und für mehr geeignet als nur den Test einer Hifi-Anlage in Bezug auf klangliche Extreme, farbliche Mannigfaltigkeit und Ausgeglichenheit der Register.

Hier kann man vieles in großen Zügen suggestiv mitvollziehen, und das Orchester spielt mit einer über alle handwerklichen Einzelfertigkeiten hinausgehenden Hingabe und Intensität, die das Hören weitreichender Passagen zu einem Vergnügen werden lassen. Auch gelingt es, mehr Licht in das Dickicht der detailreich aufgetürmten Orchestration (jeweils 4-faches Holz, 8 Hörner, 4 Trompeten, 4 Posaunen, Celesta, 2 Harfen, reichlich Schlagzeug usw.) zu bringen als gewöhnlich. Für Fans der Ausdrucksbandbreite des großen Orchesters in der Nachfolge und Fortführung der spätromantischen Hypertrophie ist die Ilya Muromets-Symphonie absolut unentbehrlich! Außer Ravel gibt es keinen Komponisten, der das Kontrafagott so idiomatisch und dankbar zum Einsatz brachte, und an dieser Schlüsselposition wirkt ein vorzüglicher Musiker, der klar konturiert präzise intoniert und die oft bedrohliche Komponente unwiderstehlich einbringt. Insbesondere der zweite Satz mit seiner Beschwörung einer Zauberwelt ist ein reines Wunderwerk in allen Farben funkelnder, irisierender Instrumentationskunst, die Elemente des Impressionismus in den Dienst einer bei aller Orientalisierung unverkennbar russischen, urwüchsig monumentalen Klangsprache stellt. Im Finale wird alle klangliche Gewalt des großen Orchesters zu maximaler Entfaltung getrieben, mit einer körperhaften Macht, wie sie typisch für die russische Klangsprache ist.

Diese Symphonie ist eine Apotheose aller Qualitäten russischer Orchestermusik, eine überwältigende, überhöhende Zusammenschau der Errungenschaften von Glières Vorläufern Tschaikowskij, Rimskij-Korsakov, Mussorgsky, Borodin, Balakirev und Tanejev, die ein letztes Mal unverstellt den großen Geist der Vergangenheit beschwört, bevor auch bald das zaristische Imperium ein für alle Mal der Vergangenheit angehören sollte. Stokowskis visionärer Zugang wird von JoAnn Faletta und ihren Musikern nicht erreicht, doch wer das ungekürzte Ganze hören will, dem sei diese Aufnahme trotz einiger zu flott genommener Tempi an erster Stelle empfohlen.
——— CD-Details:
Reinhold Glière: 3. Symphonie op. 42 ‚Liya Muromets’ (1911)
Buffalo Ohilharmonic Orchestra, JoAnn Faletta

Naxos CD 8.573161
Dauer: 71’40“
EAN: 747313316175

CD kaufen bei NAXOS direkt

Stöbern

Verwandtes / Ähnliches:

Archiv

Alle Artikel können im Archiv nachgeschlagen werden. Dort ist auch eine gezielte Suche möglich.